Sommer, Sonne

. . . und zu wenig Strom im Netz.

Ja, auch dieses Szenario ist möglich. So geschehen am 06.06, am 12.06. und noch einmal am 25.06.2019 in Deutschland. Kaum einer hat es gemerkt, aber ein starkes Ungleichgewicht zwischen Einspeiseseite und Last sorgte dafür, dass die Stromspannung in den deutschen Stromnetzen an diesen Tagen nur mit Hilfe der europäischen Partner, die zusätzliche Kapazitäten bereitgestellt hatten, gehalten werden konnte.

So, wie die vielen heißen Tage im Juni vielleicht als Vorboten der Klimaveränderung gedeutet werden könnten, zeigen uns die Stresssituationen an den besagten drei Junitagen vielleicht schon die Grenzen unserer derzeitigen Energieversorgung auf. Auch wenn der Bundeswirtschaftsminister betont, die Versorgungssicherheit sei gewährleistet, so ist dies doch oftmals nur durch den Eingriff der Übertragungsnetzbetreiber gegeben, die sich im Falle von Engpässen um die Einspeisung von Regelenergie und je nach Situation um das Abschalten dezentraler Erzeugungsanlagen oder flexibler Lasten kümmern. An den drei Tagen im Juni habe der Bedarf an Regelenergie rd. 6 GW betragen, also das doppelte wie die vertragliche Bereitstellung. „Diese Ereignisse waren sehr ungewöhnlich, aber wir haben sie beherrscht“, wird der Übertragungsnetzbetreiber Tennet zitiert. 

Laut Bundesnetzagentur verfügt Deutschland derzeit über Stromerzeugungsanlagen mit einer Netto-Nennleistung von rd. 214 GW. Bis 2030 soll sich dieser Wert auf 253 GW erhöhen, was im Umkehrschluss natürlich auch zu einer Reduzierung der konventionellen Kraftwerksleistung führen soll. Dennoch: Bis 2030 soll sich die derzeitige Jahreshöchstlast von rd. 90 GW auf rd. 89 GW reduzieren. Beim Verbrauch soll sich laut BNetzA die Nachfrage von rd. 570 TWh auf rd. 545 TWh im Jahr 2030 reduzieren. Das Gleichgewicht wird sich also irgendwann einmal einstellen. 

Als Konsequenz aus den jüngsten Netzengpässen haben die Netzbetreiber inzwischen die ausgeschriebene Menge der Stromreserve zur Netzstabilisierung erhöht. Die erhöhte Nachfrage führte wiederum zeitweise zu deutlichen Kursschwankungen an der Strombörse. Nachdem der Stresstest überstanden ist, sammeln die vier Übertragungsnetzbetreiber noch die angefallenen Kosten ein und rechnen sie den verschiedenen Umlagen oder aber dem Netznutzungsentgelt direkt zu. Die Zeche zahlt nämlich der Netznutzer, also die Netzkunden, Industrie, Gewerbe, Handwerk, Haushalt und… Sie und ich. Zurecht wie ich finde, denn wir erwarten von den deutschen Netzbetreibern ja schließlich uneingeschränkte Versorgungssicherheit, 24/7 oder anders gesagt an 365 Tagen im Jahr. Solange wir als Netznutzer aber die volle Netzkapazität fordern, auch wenn wir sie gar nicht durchgängig benötigen, blockieren wir einen wichtigen Baustein der Energiewende, der Netzausbau sparen und Redispatch reduzieren kann. Ich denke, es wird Zeit, sich daran zu gewöhnen, Flexibilität anzunehmen und auch zu bieten. Flexible Lasten im Netz werden – je mehr sie im Netz implementiert werden können – auch helfen, Netzengpässe zu reduzieren.

Der Geschäftsführer der Amprion, Dr. Klaus Kleinekorte, hat es im Rahmen unseres diesjährigen Energieforums sehr treffend ausgedrückt: „die Netzbetreiber mal machen zu lassen – sie wissen, was sie tun!“ Konkret bezog er sich dabei auf das sektorenkoppelnde „Hybridge“-Pilotprojekt mit OGE, das den überschüssigen EE-Strom in eine neue H2-Infrastruktur umleiten soll, die z. B. die künftig zu etablierenden städtischen Brennstoffzellen-Busflotten dauerhaft versorgen könne. Eine Methode also, welche ebenfalls einen Beitrag zur Energiewende leisten kann. 

Also, „anpacken“ und „machen“ gefällt mir und so werden wir uns weiterhin für effiziente, sinnvolle und umsetzbare Lösungen stark machen, mit denen wir die Energiewende schaffen. Eine Vielzahl von Vorschlägen und Plänen allein für den Netzbereich liegen auf dem Tisch, wie z. B. das Modell der Spitzenglättung – lassen Sie uns anfangen. Gemeinsam. Jetzt. ( . . . und gerne > "BET-Energieforum 2019 - Rückblick" weiterlesen

Ich wünsche ein sonniges und energiereiches Wochenende.

Herzlichst Ihr
Micha Ries

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