Regulierung & Controlling
2021/01

Unternehmenssteuerung in der Energiebranche

Wertorientiert und werteorientiert

Bei der Frage, nach welchen Kriterien und nach welcher Philosophie ein Unternehmen gesteuert werden sollte, scheiden sich oft die Geister. Der vorliegende Beitrag widmet sich dieser Frage und den übergeordneten Konzepten. In einer Reihe von Beiträgen werden wir Ihnen näherbringen, welche Steuerungsgrößen und Kennzahlen sich hierfür anbieten. Eröffnend wird in diesem Beitrag auf die wirtschaftliche Perspektive eingegangen und geeignete Kennzahlen im Sinne einer wertorientierten Unternehmenssteuerung aufgezeigt.

Übergeordnete Konzepte in der strategischen Unternehmenssteuerung

Grundsätzlich lassen sich zwei übergeordnete Konzepte unterscheiden, das eine wertorientiert und das andere werteorientiert. Das Konzept der wertorientierten Unternehmensführung, auch bekannt als Shareholder-Value-Ansatz, verfolgt primär das Ziel, den Unternehmenswert nachhaltig zu steigern und zu maximieren. Der Fokus dieser Unternehmensführungsphilosophie liegt folglich auf den Interessen der Anteilseigner (Shareholder), wohingegen weitere Interessengruppen (Stakeholder) eine nachgeordnete Rolle spielen. Dem steht das Konzept der werteorientierten Unternehmensführung, auch bekannt als Stakeholder-Value-Ansatz, gegenüber. Hierbei werden alle an einer Unternehmung beteiligten Interessengruppen berücksichtigt, neben den Anteilseignern folglich auch Mitarbeiter, Kunden, die Gesellschaft oder auch der Staat. Durch einen Interessensausgleich zwischen diesen Gruppen versuchen Unternehmen, ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden. Doch welche Philosophie ist besser geeignet, um ein Unternehmen langfristig und nachhaltig zu steuern und zu positionieren?

Tatsache ist, dass die Energiebranche seit jeher eine starke Verbindung zu Kommunen und zur Politik hat und aufgrund ihrer Rolle im Kampf gegen den Klimawandel eine besondere Verantwortung der Gesellschaft und der nachhaltigen Entwicklung gegenüber trägt. Im Vergleich zu anderen Branchen haben Energieversorger daher traditionell eine weitaus größere Anzahl an Stakeholdern, deren Interessen ausreichend Berücksichtigung finden müssen. Eine rein wertorientierte Unternehmensführung im Sinne der Anteilseigner erscheint für viele Marktteilnehmer daher nicht möglich. Ziel sollte sein, eine gesunde Mischung beider Ansätze in der Unternehmenssteuerung zu vereinen und somit das Thema Nachhaltigkeit – sowohl aus ökologischer und sozialer als auch wirtschaftlicher Sicht – fest zu verankern. In einer Reihe von Beiträgen möchten wir Ihnen daher näherbringen, welche Steuerungsgrößen sich hierfür anbieten. Der vorliegende Beitrag widmet sich eröffnend der wirtschaftlichen Perspektive.

Energieversorger und wertorientierte Unternehmenssteuerung

Die Ausrichtung der unternehmerischen Aktivitäten auf eine langfristige und nachhaltige Steigerung des Unternehmenswertes (Ziel der wertorientierten Unternehmenssteuerung) birgt viele Vorteile für Unternehmen der Branche. Schaffen es Energieversorger zum Beispiel, das im Unternehmen gebundene Kapital effizient einzusetzen und den Unternehmenswert nachhaltig zu steigern, so ist nicht nur das primäre Interesse von Anteilseignern gewahrt, sondern auch das breitere öffentliche Interesse kann davon profitieren, wenn neue Arbeitsplätze geschaffen, vermehrt Investitionen in erneuerbare Energien getätigt oder auch Ausschüttungen an kommunale Haushalte gesteigert werden können.

Wie bzw. nach welchen Kennzahlen lässt sich der Unternehmenswert langfristig und nachhaltig angemessen steuern?

In der Vergangenheit haben Energieversorger vor allem klassische Erfolgsgrößen der Gewinn- und Verlustrechnung für ihre wirtschaftliche Steuerung herangezogen. Diese Größen haben selbstredend nach wie vor eine große Bedeutung, jedoch stellt sich hierbei die Frage, ob die operativen Gewinne (wie bspw. EBIT) die Änderung des gegenwärtigen Unternehmenswertes zuverlässig messen oder nicht. Es gibt eine Reihe von Gründen, warum die reine Sicht auf diese Größen hierzu ungeeignet ist. So werden Investitionserfordernisse nicht abgebildet, der Zeitwert des Geldes vernachlässigt und lediglich die Fremdkapitalkosten, nicht aber die Eigenkapitalkosten zur Deckung der geforderten Rendite, berücksichtigt. Doch welche Kennzahlen eignen sich dann im Sinne einer wertorientierten Unternehmenssteuerung?

Eine Kapitalwertbetrachtung (Discounted-Cashflow-Methode) lässt Rückschlüsse zu, inwiefern sich der Unternehmenswert durch das eigene unternehmerische Handeln verändert. Ebenso lassen sich Strategie- oder Investitionsvorhaben nach dieser Methode angemessen beurteilen. Zudem empfehlen sich Kennzahlen wie beispielsweise der „Return on Capital Employed“ (kurz ROCE), welcher operative Gewinne (EBIT) ins Verhältnis zum eingesetzten Kapital setzt und somit dem Begriff der Gesamtkapitalrendite am nächsten kommt. Die Kennzahl ROCE misst, wie effizient das zur Verfügung stehende Kapital eines Unternehmens eingesetzt und ausgelastet wird. Diese Kennzahl eignet sich insbesondere für kapitalintensive Branchen wie die Energiebranche, da hier die Berücksichtigung der Kapitalkosten von höherer Relevanz ist. Viele Energieversorger investieren jährlich große Summen in die Netzinfrastruktur, Erzeugungsanlagen oder auch gänzlich neue Geschäftsfelder. Die Kennzahl ROCE signalisiert Anteilseignern, ob das Unternehmen seine wesentlichen Werttreiber richtig verstanden hat und die enormen gebundenen Mittel einer solch kapitalintensiven Infrastruktur effizient und profitabel eingesetzt werden, was wiederum Grundvoraussetzung für die Steigerung des Unternehmenswerts ist.

Wir halten fest: Kennzahlen in der Unternehmenssteuerung sollten so gewählt werden, dass sie auf der einen Seite Transparenz über die periodische Wertschöpfung liefern, auf der anderen Seite aber auch die Bedürfnisse der Kapitalgeber berücksichtigen und eine effiziente Kapitalallokation erlauben. Neben klassischen Erfolgsgrößen der Gewinn- und Verlustrechnung empfiehlt es sich daher, über weitere, geeignete Steuerungsgrößen nachzudenken und an die individuelle Unternehmenssituation anzupassen.


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