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"German-Energiewende" - Blaupause oder Flop?

Europaweit ist die Energiewende – also die Abkehr von Atomkraft sowie von Kohle und Gas – zum Dauerthema geworden. Sicherheitsgründe und der Klimawandel waren die hauptsächlichen Treiber des Umdenkens. In den letzten Tagen und Wochen kommt nun noch eine brandaktuelle, geopolitische Fragestellung hinzu. 

BET und Trianel sind jeweils in Deutschland und in der Schweiz in der Energiewirtschaft zuhause, wenn auch in unterschiedlichen Geschäftsfeldern. Gemeinsam haben wir uns aber Gedanken zum Stand der Erneuerbaren gemacht und in diesem Zusammenhang insbesondere die Möglichkeiten der Photovoltaik angesehen, deren Technik wir als relativ einfach handhabbar und vergleichbar kurzfristig umsetzbar erachten. So unterschiedlich, wie Deutschland und die Schweiz in der Geografie auch sind, energiewirtschaftlich haben sie dennoch eines gemein: Die Energiewende oder in der Schweiz die Energiestrategie 2050. Doch bekommt der energiepolitische U-Turn noch die Kurve?


German Energiewende – Blaupause oder Flop?

Autoren:
Micha Ries, BET,
Herbert Muders, Trianel Energieprojekte GmbH & Co.KG,
Alexander Land, Trianel GmbH

Im Jahr 1980 erschien das Buch „Energiewende – Wachstum und Wohlstand ohne Erdöl und Uran“ des Öko-Instituts1.  Das wird als Ursprung des Begriffes „Energiewende“ verstanden. Inzwischen hat der Umbau des deutschen Energiesystems weltweit unter „German Energiewende“ Furore gemacht.
 
Zehn Jahre später wird mit dem Stromeinspeisegesetz (Gesetz über die Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Energien in das öffentliche Netz) vom 7. Dezember 1990 die gesetzliche Basis für die Stromeinspeisung der Erneuerbaren Energien erstmals geregelt.

Am 1. April 2000 löst das Erneuerbare-Energien-Gesetz3  das Stromeinspeisegesetz ab und die Erfolgsgeschichte der Energiewende in Deutschland beginnt.

Es sind Vergütungssätze im Jahr 2000 bei Photovoltaik (PV) von 99 Pf/kWh und bei Wind Onshore von 17,8 Pf/kWh, die in der Folgezeit einen wahren Run auf die Eigenerzeugung aus Öko-Strom auslösen. Von 12‘038 MW installierter elektrischer Leistung im Jahr 2000 sind es 20 Jahre später beeindruckende 131‘738 MW.

Aber man muss diese Zahlen ins Verhältnis setzen. Bei einer Bruttostromerzeugung von 565 Mrd. kWh im Jahr 2020 in Deutschland sind davon lediglich oder immerhin gut 50 Prozent4 aus erneuerbaren Energiequellen.

Wie geht es weiter

Die ersten rund 20 Jahre mit Blick auf den Ausbau der Erneuerbaren Energien in Deutschland waren im Grunde ein Selbstläufer. Verkürzt gesagt, hat die Politik den Ausbau der Erneuerbaren durch die EEG-Umlage monetär angereizt und die Kosten auf die Allgemeinheit umgelegt.

Inzwischen hat sich das Blatt unter der letzten Bundesregierung (2017 bis 2021) gewendet. Der Ausbau bei Wind Offshore stagniert, Wind Onshore ist ausgebremst worden und Photovoltaik wartet noch, aus dem Dornröschenschlaf erweckt zu werden. Das hängt auch daran, dass Deutschland das größte Markteinführungsprogramm für Erneuerbare Energien umgesetzt hat und der Strom aus PV-Freiflächenanlagen mit rd. 5 ct/kWh inzwischen die günstigste Erzeugungsform darstellt. Die aktuelle Bundesregierung hat diese Mängelliste erkannt, adressiert und arbeitet auf Hochtouren an neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen, die in den sogenannten Oster- und Sommerpaketen auf den Weg gebracht werden sollen.

Der Druck ist enorm. Nicht nur, dass es inzwischen auch ein Klimaschutzgesetz gibt, auf dessen Basis sich Deutschland verpflichtet, bis 2045 klimaneutral zu sein. Auch ist Deutschland das einzige Land, das gleichzeitig aus Kernenergie und Kohleverstromung aussteigen will. Das letzte Kernkraftwerk soll bereits in diesem Jahr vom Netz gehen. Der Kohleausstieg ist gesetzlich derzeit auf 2038 bzw. 2035 festgelegt. Aber die Bundesregierung behält sich vor, den Kohleausstieg abermals vorzuziehen – auf „idealerweise“ 2030.

Inzwischen gibt es einen politischen Konsens darüber, dass die EEG-Umlage abgeschafft werden soll, konkret zum 1. Juli 2022.

Ungefähr seit dem Beginn des vierten Quartals 2021 schießen die Energiepreise steil nach oben, das gilt für Strom, Gas, Kohle, Öl und Benzin. Die einzelnen Gründe mögen unterschiedlich sein. Das verbindende Element ist jedoch eine künstlich geschaffene Knappheit, insbesondere auf der Gasseite, die u. a. auch konkret mit der Auseinandersetzung, um die Ukraine zu tun hat.

Die Erneuerbaren müssen es also richten und es gilt nochmals, unter allen Anstrengungen die Öko-Stromproduktion weiter anzukurbeln. Der Anteil der erneuerbaren Energien an der Nettostromerzeugung ist von 50 % im Jahr 2020 auf 45,7 % im Jahr 2021 gesunken. Dabei war die Windkraft mit einem Anteil von 23,1 % an der Stromerzeugung im letzten Jahr die wichtigste Energiequelle der Erneuerbaren, sie erzeugte aber dennoch rd. 12 % weniger Strom als noch im Vorjahr. Ein großer Hoffnungsträger ist und bleibt die Photovoltaik in ihrer vielfältigen Einsetzbarkeit. Mit PV erzeugten die deutschen Anlagenbetreiber 2021 etwa 48,4 TWh Strom, doch bei einer installierten Leistung von knapp 59 GW ist noch viel Luft nach oben. An Ideen fehlt es nicht, aber an Flächen vielleicht noch. Im BMWK ist auch inzwischen der klare Wille erkennbar, Lösungen zu erarbeiten und die Themen Nachhaltigkeit, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit trotz der aktuellen Herausforde-rungen wieder in Einklang zu bringen.

Die große Frage wird am Ende sein, ob dies gelingt, weil alles, im Guten wie im Schlechten, auf die Akzeptanz der Energiewende in der Gesellschaft einzahlt.
 

Ausblick für die nächsten Monate

Konkret arbeitet das BMWK in seinem Oster- und Sommerpaket an der gesetzlichen Basis für folgende Maßnahmen:

  • Beschleunigung der Planungs- und Genehmigungsverfahren
  • Digitalisierung dieser Verwaltungsprozesse
  • Aufbau von zusätzlichem Personal in den Genehmigungsbehörden
  • Überarbeitung der Abstandsregelung Wind Onshore
  • Gesetzlich fixierte Menge an ausgewiesenen Flächen für Erneuerbaren-Ausbau
  • Gesetzliche Vorgabe für Ausbau von Photovoltaik auf Gewerbeflächen
  • Ausweisung von Waldflächen für die Wind-Onshore-Nutzung
  • Förderung von Pilotprojekten zu Agri-Photovoltaik

Darüber hinaus gibt es bereits im Jahr 2022 beschlossene Maßnahmen zur Entlastung bei den Energiepreisen, z. B. erstens einen Zuschuss zur Heizkostenpauschale für besondere Härtefälle und zweitens die Abschaffung der EEG-Umlage zum 01.07.2022 (beschlossen im Koalitionsausschuss am 22.02.2022).

Die Erneuerbaren in der Schweiz

Auch bei den Schweizer Nachbarn stehen die Zeichen auf „Energiewende“ und ein Blick auf die Ziele der Energiestrategie 2050 (ES 2050) in der Schweiz lässt erkennen, dass die erneuerbaren Energien auch dort stark an Bedeutung gewinnen, denn CO2-Neutralität und der Ausstieg aus der Atomkraft sind erklärte Ziele der Eidgenossen. Die Energiestrategie 2050 hat aber immerhin auch eine erste Wegmarke erreicht: Die Schweiz erfüllt die im Energiegesetz für das Jahr 2020 verankerten Richtwerte für die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien sowie die Richtwerte zur Strom- und Energieeffizienz. Das zeigt der im Dezember 2021 publizierte vierte Monitoringbericht des Schweizer Bundesamts für Energie (BFE). 2020 lag die erneuerbare Stromproduktion bei 4‘712 GWh und damit ist der im geltenden Energiegesetz verankerte Richtwert 2020 von 4‘400 GWh erreicht worden. Der Ausbau erfolgt nicht bei allen erneuerbaren Stromproduktionstechnologien im gleichen Tempo. Seit 2010 hat die Photovoltaik absolut gesehen am stärksten zugelegt.

Der Strom aus Schweizer Steckdosen kam 2020 bereits zu rund 76 % aus Erneuerbaren Energien, davon zu 66 % aus Großwasserkraft und zu rund 10,3 % aus Photovoltaik, Wind, Kleinwasserkraft und Biomasse. Neben der traditionell stark ausgeprägten Energieerzeugung aus Wasserkraft (Pumpspeicher-Kraftwerke, Laufwasser-Kraftwerke) soll die Photovoltaik in den Fokus rücken, da Biomasse und insbesondere die Windkraft (bis Ende 2020 nur rd. 41 Grosswindkraftanlagen) sich in der Schweiz einer eher geringen Akzeptanz erfreuen. Um aber den enormen Bedarf an Erneuerbaren Energien künftig decken zu können, muss die Erzeugungsleistung deutlich angehoben und in die entsprechenden Technologien investiert werden.5

Die Photovoltaik soll´s richten

Ähnlich wie in den umliegenden, europäischen Staaten, hält auch die Schweiz ein Vergütungssystem vor, welches die Erneuerbaren fördern soll. Insbesondere die Photovoltaik soll neben der heimischen Wasserkraft den Bedarf decken und in der Tat kann man inzwischen von einem Boom sprechen, denn im Jahr 2020 hat es einen Zubau von 50 % und im Jahr 2021 immerhin 30 % gegeben, berichtet das BFE. Im Jahr 2021 standen zudem umgerechnet rund 428 Mio. Euro6 für die Förderung von Photovoltaikanlagen (PVA) in der Schweiz bereit, ein Höchststand und im laufenden Jahr 2022 sind es immerhin noch umgerechnet knapp 410 Mio. Euro.7

Standortsuche

Mit der Installation rein auf den Dächern von Privat- und Wohnhäusern aber werden die Ausbauziele nicht erreicht werden können. PV-Parks, Großanlagen oder Solar-Kraftwerke werden zur Lieferung der benötigten Leistung dringend benötigt. Doch hierzu braucht es Flächen und kreative Ideen.

Regenerative Energie, die alle Anwohner willkommen heißen, ist generell aber gar nicht so leicht zu bekommen. Ortswechsel: In einem Vorort von Boston (USA) will man künftig Lärmschutzwände entlang einer Autobahn mit Solarpaneels bestücken. Die Idee ist nicht neu, bietet technisches Potenzial, aber ist im Schutz der Autofahrer anspruchsvoll und teurer als auf der reinen Ackerfläche. Auch in Deutschland hat es bereits ähnliche Projekte gegeben. So wurde an der Autobahn A3 bereits im Jahr 2019 zwischen den Anschlussstellen Aschaffenburg und Aschaffenburg-Ost eine 887 Meter lange und 3,30 Meter hohe Lärmschutzwand mit integrierten Photovoltaikelementen fertiggestellt. Durchgesetzt haben sich diese Ideen nicht: die günstigsten Stromerzeugungskosten bieten Freiflächenanlagen auf Äckern entlang der Infrastruktur von Auto- und Eisenbahn.
 

Da die Lärmschutzwände sich überwiegend in öffentlicher Hand befinden, könnten Genehmigungsverfahren vereinfacht und beschleunigt werden. Auf umgerechnet sehr großen Flächen entlang der Straßen zusammenhängende Erzeugungsanlagen umzusetzen, könnten der Energieerzeugung völlig neue Möglichkeiten bescheren als jene, die wir bei der dezentralen Installation etwa auf Dachflächen bisher kennen. Dies hat man auch in der Schweiz erkannt: Ende Oktober 2021 hatte der Schweizer Bundesrat eine Studie über das Potenzial der Lärmschutzwände entlang von Autobahnen und Bahnstrecken für die Produktion von Solarenergie veröffentlicht. Das nutzbare Potenzial, welches entlang von Autobahnen und Bahnstrecken für Photovoltaikanlagen an Lärmschutzwänden vorhanden sei, würde rund 101 GWh (Autobahnen: 55 GWh, Bahnstrecken: 46 GWh) betragen.

Wohlgemerkt: Die Flächen sind bereits vorhanden, es werden keine neuen Flächen benötigt und der Unterschied in der optischen Erscheinung ist durch die PV-Module nicht besser oder schlechter, jedoch wird das Umweltbewusstsein angesprochen und dies ist doch eher ein positiver Effekt. Im Rahmen der Umsetzung des "Klimapakets Bundesverwaltung" wird das schweizerische Bundesamt für Straßen ASTRA bis 2030 rund 35 GWh pro Jahr ausbauen und dafür 65 Millionen Franken investieren. Diese Investitionen werden über die Betriebsdauer der Anlagen langfristig aufgrund tieferer Stromkosten amortisiert. Dort, wo das ASTRA den Strom nicht selbst nutzen kann, sollen wie bisher Dritten die Flächen kostenlos zur Verfügung gestellt werden.

Die Neue Zürcher Zeitung vermeldet darüber hinaus, dass Energieministerin Simonetta Sommaruga das ASTRA damit beauftragt habe, alle dafür geeigneten offenen Strecken dem Markt für die Stromproduktion zur Verfügung zu stellen. Hierzu kommen in der Schweiz alle tunnelfreien Strecken infrage. Dies wären laut Neue Zürcher Zeitung von insgesamt 1.500 km immerhin noch 1.300 km Nutzfläche.

Agrophotovoltaik

Ein weiterer Bereich auf der Suche nach PV-Flächen ist die Agrophotovoltaik (APV), die auf lichtdurchlässigen Solarmodulen basiert und landwirtschaftlich genutzte Flächen erschließen soll. In der APV geht es also um die gleichzeitige Nutzung von Flächen für die landwirtschaftliche Pflanzenproduktion (Photosynthese) und die PV-Stromproduktion (Photovoltaik). Eine der ersten Agrophotovoltaik-Anlagen in der Schweiz wurde durch die Partnerunternehmen InsoLight (Panelhersteller), den Energieversorger Romande Energie und Agroscope (Schweizer Kompetenzzentrum für landwirtschaftliche Forschung) ins Leben gerufen. Ziel der Partner bei dem Pilotprojekt einer 165 m2 großen Fläche für Himbeerpflanzen sei es, mit agronomischen Daten den Algorithmus zur Steuerung der Photovoltaikmodule, der Bewässerung und der Nährstoffversorgung je nach Pflanzenart, Entwicklungsstadium und Sonneneinstrahlung anzupassen. Zugleich soll geprüft werden, ob die Photovoltaikanlage auch hilfreich sein könnte, Menge und Qualität der geernteten Früchte zu erhalten oder diese sogar noch zu steigern. 

Bisher war die Politik in der Schweiz der Auffassung, dass freistehende Solaranlagen landwirtschaftlich nicht begründet werden können und daher als nicht zulässig gelten. Für den Ausbau der Solarenergie als saubere Energiequelle konzentrierte man sich bisher eben nur auf Dächer und Fassaden. Im europäischen Ausland ist die Doppelnutzung der Fläche für die Produktion von Sonnenstrom und Nahrungsmittel hingegen schon verbreiteter und es zeigen sich positive Erfahrungen ab. Der besondere Vorteil der Agrophotovoltaik ist selbstredend, dass vorhandene Flächen weiterhin landwirtschaftlich genutzt werden können, wobei zeitgleich Solarenergie erzeugt wird. So wird auch der Landwirt oder der Bergbauer zum Prosumer und damit zu einem Teil der Energieversorgung.

Agrophotovoltaik ist insbesondere dort vorteilhaft, wo es einen Flächenkonflikt gibt. Dies ist in dicht besiedelten Gebieten wie Deutschland und insbesondere auch in der Schweiz der Fall. Durch die mit Agrophotovoltaik verbundene Beschattung von landwirtschaftlichen Flächen könnte zusätzlich den Folgen der zunehmenden Klimaerwärmung begegnet werden. Sicher ist, dass sich Agrophotovoltaik in heißen Ländern und Regionen mit hoher Sonneneinstrahlung besonders auszahlt. Die Stromproduktion ist höher und die Ernteerträge dank Beschattung ebenfalls. Auf einer Testfläche in Arizona wurden laut einem Bericht der Süddeutsche Zeitung im Schatten der Module Chili, Cherrytomaten und Jalapeño gepflanzt. Die Ernten fielen bis zu dreimal höher aus als auf photovoltaikfreien Vergleichsflächen. 

Nach Bewässerungen blieb die Feuchtigkeit zudem länger im Boden und der Wasserverbrauch war niedriger. Auch die Solarmodule profitierten und waren am Tag rund neun Grad Celsius kühler als Module einer klassischen Freiflächenanlage in der gleichen Region. Der Kühleffekt steigerte den Wirkungsgrad und erhöhte den jährlichen Stromertrag um etwa ein Prozent.

Inzwischen will sich auch der Schweizer Bundesrat dem neuen Wissensstand anpassen und die bestehende Raumplanungsverordnung erneuern, sodass an geeigneten Standorten entsprechende, freistehende Solaranlagen gebaut werden dürfen. Der Bundesrat betont auch das Ziel einer Synergie bei der Doppelnutzung: „Es sei nicht ausreichend, dass trotz Solaranlagen noch Landwirtschaft betrieben werden könne. Vielmehr gehe es darum, dass dank der Solaranlage höhere Erträge erzielt werden als ohne.“ Dies wäre sodann der Königsweg.

Die geänderte Raumplanungsverordnung sieht jedoch nicht vor, dass Solaranlagen gemäß Artikel 32 für die Ewigkeit bewilligt werden. So sei bei veränderten Verhältnissen neu zu verfügen, heißt es dort. Artikel 32 macht aber auch Hoffnung für den Bau von Solarzäunen, denn er schlägt ebenfalls Bewilligungen für Solaranlagen vor, die „in ästhetischer Hinsicht in Flächen wie Fassaden, Staumauern oder Lärmschutzwänden integriert werden, die voraussichtlich längerfristig bestehen.“ Die Idee hierbei sei, ohnehin bestehende Flächen für die Energieproduktion zu nutzen. 

So gibt es bereits erste Erfahrungen mit PV-Elementen, welche an Weidezäune in Deutschland und Österreich installiert wurden. Ein Bio-Hof in Österreich kam mit einem Pilotprojekt, einem 320 Meter langen Solarzaun, auf 52,9 kW Leistung. Das Projekt wurde 2020 mit dem österreichischen Solarpreis ausgezeichnet.

Große Potenziale bieten zudem auch die alpinen Wintersportorte in der Schweiz. Hier gibt es Platz für Photovoltaik-Freiflächenanlagen, welche an dieser Stelle ebenfalls ein wichtiges Element der Energiewende darstellen können. In Höhenlagen ist mit hohen Jahreserträgen, einem hohen Win-terstromanteil sowie bestehenden Netzanbindungen zu rechnen. Die Umfrage im Rahmen einer Studie von „EnergieSchweiz“ (Förderprogramm des BFE) ergab jedoch auch, dass die befragten Wintersportler Orte mit wenigen Photovoltaik-Freiflächenanlagen gegenüber Orten mit vielen Anlagen bevorzugen würden. Gleichzeitig beurteilten die Befragten den Einsatz von 100 % regionaler erneuerbarer Energie verbunden mit einem umfassenden Umweltprogramm eines Wintersportorts jedoch ebenfalls als wichtig.

Aussicht

Eine gemeinsame Studie von „EnergieSchweiz“ und der ZHAW (Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) zum Thema Auswirkungen von Freiflächen-Photovoltaikanlagen auf Biodiversität und Umwelt kommt im November 2021 durchaus zu vielversprechenden Ergebnissen. Produktivitätssteigerungen in der Landwirtschaft von bis zu 60 bis 70 % können sich demnach im Optimalfall ergeben. Vorteile durch verringerte Bodenverdunstung sowie der Schutz der Flächen und Pflanzen vor Hagel und Überhitzung werden im Zusammenhang mit dem Klimawandel genannt. Bei Verzicht auf Düngung und Pflanzenschutzmittel sei generell mit einer positiven Wirkung auf die Insektenvielfalt und auf die lokale Biodiversität zu rechnen.

Da die rechtlichen Hürden für Freiflächen-Anlagen in der Schweiz zurzeit noch sehr hoch sind, macht der Vorstoß des Bundesrates zur Änderung der Raumplanungsverordnung jedoch Hoffnung und die Studie nennt neben den untersuchten Möglichkeiten der Agrophotovoltaik auch die hier aufgeführten PV-Techniken entlang Autobahn- und Eisenbahntrassen wie auch an Weidezäunen. 

Um Potenziale zu identifizieren und zu nutzen, darf es keine Denkverbote geben. Die Nutzung auch kleinerer Flächen kann regionale Vorteile bringen und Energiekonzepte in Summe abrunden. Die Förderung von Freiflächen-PVA eröffnet die Möglichkeit, Energie- und Klimaschutzziele mit den Anliegen des Naturschutzes in Einklang zu bringen, und könnte dank dem allgemein positiven Image der Solarenergie wichtige Impulse für die angestrebte Energiewende liefern, so die Forscher.

Auch in Deutschland geht der Ideenwettbewerb weiter. So berichtet das Online-Portal für Energienachrichten energate Mitte Februar darüber, dass das Bundesland Baden-Württemberg künftig Flächen entlang der Verkehrswege zur Solarstromerzeugung nutzen und interessierten Energieversorgern zur Installation und zum Betrieb von Photovoltaikanlagen zur Verfügung stellen will. Der Verweis auf das vorhandene Potenzial solcher bisher wenig beachteten Flächen, verbunden mit einem eher geringen Widerstand der Bevölkerung, ist nicht von der Hand zu weisen. 

Wie eingangs bereits erwähnt, ist das Erreichen einer klimaneutralen Energieversorgung weiterhin ein steiniger Weg mit vielfachen Herausforderungen. Die „German Energiewende“ als Blaupause zu nutzen, wäre vielleicht zu viel erwartet – von den Problemen, Hürden und anfänglichen Fehlern zu lernen jedoch sicher nicht. Der Blick auf die Erneuerbaren der Nachbarn Deutschland und Schweiz zeigt bereits, dass Lernpotenzial auch über die Grenzen in viele Richtungen erkannt und genutzt wird. Auch wenn beide Länder unterschiedliche Möglichkeiten zur Erzeugung Erneuerbarer Energien bieten, so sind beide doch auf dem richtigen Weg: Der Strom aus Schweizer Steckdosen kam 2020 bereits zu rund 76 % aus Erneuerbaren Energien, in Deutschland waren es laut Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE immerhin 50 %. 8

EU-weit sehen die Zahlen derzeit noch anders aus, aber die Ziele sind ebenfalls klar. So meldet die EU-Kommission aktuell, mit einem eigenen Strategiepapier den Ausbau der Solarindustrie in Europa beschleunigen zu wollen und die Solarindustrie nach Europa zurückzuholen. Der Anteil der Solarenergie am Strommix der EU hätte im Jahr 2020 gerade einmal bei 5 % gelegen. Um nun das angestrebte Ziel von insgesamt 40 % Erneuerbarer bis 2030 zu erreichen, müssten die Solarinstallationen von derzeit 120‘000 MW bis 2030 auf 420‘000 MW zunehmen. Der zuvor aufgezeigte Ideenwettbewerb der Flächennutzung und unterschiedlichen Methoden der PV-Installation kommt also genau zur rechten Zeit.
 



Fazit

Ob die German Energiewende wieder zur Blaupause für andere Länder werden wird, kann Stand heute nicht beantwortet werden. Aber: Die Grundüberzeugung des grün geführten BMWK ist, dass die Energiewende nur gelingen kann, wenn der Ausbau der Erneuerbaren signifikant steigt, wenn der Stromnetzausbau signifikant beschleunigt wird und ausreichend grundlastfähige Kraftwerke für die Absicherung der Versorgungssicherheit bereitstehen bzw. neu gebaut werden. Dies nun zu darstellbaren Preisen und Kosten und mit gesellschaftlichem Rückhalt auf dem Weg zur Klimaneutralität umzusetzen, ist ein hochaktuelles, wichtiges Ziel, nicht nur in der Schweiz und in Deutschland. 

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