19.04.2021 | Webmagazin 2021/02 Wo ist mein Simultanübersetzer?

Die Digitalisierung des Netzbetriebs braucht eine gemeinsame Sprache! Dr. Bärbel Wicha-Krause
baerbel.wicha-krause@bet-energie.de

Die Zusammenführung technischer und kommerzieller Datenstrukturen ist ein Schlüsselfaktor für die Digitalisierung des Netzbetriebs. Schon die datentechnische Kopplung von Informationen aus Geografischen Informationssystemen (GIS) und Betriebsmanagementsystemen (BMS) erfordert die spartenübergreifende Strukturierung und Vergabe eindeutiger Identifikationsnummern. Aktuell taucht das Thema schmerzhaft und zudem mit Dringlichkeit bei der Umsetzung der Redispatch-2.0-Prozesse auf, für die technische und kommerzielle Anlagenstammdaten zusammengeführt, ergänzt und fristgerecht gemeldet werden müssen. Was aber, wenn kommerzielle und technische Bewegungsdaten (z. B. abrechnungsrelevante Zeitreihen über Zählerfernauslesung, betriebliche Zeitreihen über Netzleit-/Fernwirktechnik, Sensorik über IoT) im Netzbetrieb 2.0 verschmelzen müssen?

Die derzeit praktizierte, zwar unbequeme, fehleranfällige und manuelle Zusammenführung von Daten für den jeweiligen Zweck mag für relativ statische Stammdaten in kleinen Mengen noch funktionieren. Dies löst aber das grundsätzliche Problem nicht, dass technische und kommerzielle Anwendungen traditionell ihre eigenen Schlüssel zur Identifikation und Zuweisung von Daten für ihren jeweiligen Anwendungsfall verwenden – GIS-ID, MaLo, MeLo, Geschäftspartner-ID, Marktpartner-ID, BMS-ID, MaStR.-ID usw. – die Liste ist schier endlos. Solange es sich um geringe Stückzahlen (z. B. Anlagen > 100 kW bei Redispatch 2.0) und statische Daten handelt, mag das alles funktionieren und ist auf den ersten Blick auch günstiger und schneller als eine zukunftsfähige digitale Lösung. Aber was ist, wenn Grenzen fallen und immer mehr und immer kleinere Objekte und vor allem dazugehörige Online-Daten in den Netzbetrieb 2.0 einzubeziehen sind?

Was also tun, um für die Zukunft gerüstet zu sein?

Am Anfang steht die Inventur – wo (überall!) sind meine Stamm- und Bewegungsdaten? Welche gibt es mehrfach und wie oft und wie weichen sie voneinander ab? Welche Schlüssel werden von den Funktionalitäten in den verschiedenen Systemen für den Datenzugriff genutzt? Welche Schlüssel müssen in der externen Kommunikation genutzt werden?

Danach kommt die Strukturierung – welche Objekte gibt es, welche Stamm- und Bewegungsdatenstrukturen gehören dazu? Wer ist verantwortlich für ein Feld oder einen Vektor, wer nutzt die Daten, ohne sie verändern zu dürfen? Welcher gemeinsame Schlüssel über alle IT-Systeme kann definiert werden, kann dieser auch auf die externe Kommunikation gemappt werden?

Zuletzt muss dann geklärt werden, wie der Soll-Zustand herbeigeführt werden soll. Braucht man dazu eine „Universal-Übersetzungs-App“, wie für den normalen Sprachgebrauch schon verfügbar, oder nur eine umfassende Datenbankstruktur oder doch besondere KI-Werkzeuge? Moderne IT bietet heute schon alle Hilfsmittel zur Erreichung des Ziels.


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